Von Freihand
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Folge 4

AVANT GARDE - Der Schock der Moderne

 

Die Geschichte der Risszeichnungen im Rückblick

 

Betrachtungen von
Günter PUSCHMANN und Gregor SEDLAG
aus dem Jahre 1983

Die Etablierung der New Wave, der 2. Risszeichnergeneration, ist Mitte der 900er-Bände der PR-Serie vollzogen, eine Epoche bricht nun an, in der die beteiligten Zeichner - inzwischen mit der notwendigen Reife und Abgeklärtheit gesegnet - nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, neuen Formen und Grenzen streben konnte.

Waren zu Anfang einer Zeichenkarriere in jenen Gründerjahren vor allem der Wunsch beherrschend, möglichst schnell möglichst viel von sich veröffentlicht zu sehen (vor allem dann, wenn man zu dieser Zeit noch in zarten Alter von fünfzehn oder sechzehn ist), so hat sich das prickelnde, neue und aufregende Gefühl, seinen eigenen Namen unter den eigenen Werken im Bewusstwerden um ein hoffentlich anteilnehmendes Massenpublikum zu sehen, spätestens nach der dritten oder vierten Veröffentlichung gelegt, und man beginnt sich zu fragen: "Was zeichnest Du hier eigentlich, ist es das, was Dir immer vorgeschwebt hat?" Hier ein Aggregat von wo anzeichnen, dort verändern, neu verpacken, in eine andere Hülle stecken.

Aber bringst Du etwas Neues, Innovatives? - Nein! Und das ist dann - wie die Verfasser dieser Zeilen aus eigener Erfahrung wissen - der Augenblick der Wende.

Nun beginnt man zu experimentieren, zu skizzieren, zu ent- und im selben Augenblick auch schon wieder zu verwerfen, bis dann die zündende Idee auf einmal brennt, das Eis gebrochen ist und alles nun fast wie von selbst geht.

Doch auch die quälende Phase beim Zeichnen, wo man dann ein Aggregat zehnmal hingezeichnet hat - und nun zum zehnten mal alles wieder wegradiert, weil es immer noch irgendwie nicht stimmt und gefällt, muss durchgestanden werden. Auch wenn man sich dann fragt: Lasse ich es nun so, oder klebe ich Karton drüber, denn der alte ist schon durchradiert.

Aber zurück zur RZ - idiographischen Betrachtungen der jüngsten RZ-Vergangenheit.

Denn nicht nur die Abgeklärtheit der Jung-Profis, auch der Kontakt der Zeichner untereinander war nun auf einmal vorhanden und weitaus besser und engagierter als zu Zeiten der Klassischen Troika, wenn es ihn dort überhaupt je gab. Man schickte sich nun gegenseitig Kopien der neuesten Zeichnungen zu und spornte durch Anerkennung, Lob und Tadel die Kollegen dazu an, es beim nächsten mal noch besser zu machen. Schade, dass solch ein Kontakt und Gedankenaustausch bei Zengerle, Thaler, Stoessel nicht bestand.

Wo stünden wir heute? Doch von der allgemeinen Entwicklung hin zu den Arbeiten selbst, denn die Geschichte der Avantgarde ist die Geschichte von einzelnen, herausragenden Risszeichnungen. Ein markantes Beispiel soll den Anfang machen, eine Zeichnung, die mit konventionellen Mitteln trotzdem den Rahmen des bis dahin Bekannten und Vertrauten sprengte. Die Rede ist von Heiner Högel, Chef des inzwischen an Degenerationserscheinungen und Lustlosigkeit dahingerafften Science Fiction Artist Workshop, und sein PAX-Kreuzer.

Fast erscheint es wie ein Gesetz, dass Zeichner mit spärlichen Veröffentlichungen auf der Heftmitten (dafür hat Heiner jedoch die Datenblätter entwickelt und bei PR zur Institution gemacht) mit diesen um so größeres Aufsehen erregen. Seine vierte und bislang letzte RZ, die fertig gestellt wurde, eben der PAX-Kreuzer, sorgte in dieser Hinsicht für Furore.

Verständlich.

Das Schiff ist unter Verwendung einer isometrischen Konstruktion horizontal in drei Schichten zerlegt dargestellt, vom normalen, klassischen Aufschnittprinzip also keine Spur, denn nur so ließ sich eine optimale Einsicht in das Schiffsinnere realisieren. Nicht also ein Gag, wie man vermuten könnte, sondern striktes form-follow-funktion Denken waren hier Motiv der ungewöhnlichen, ja revolutionären Darstellung. Doch daneben sind die komplizierten, ausgefeilten Rotationsaggregaten zu würdigen - ein Höhepunkt an Effektivität durch die Beschränkung auf die klassischen, gewohnten Aggregatformen in origineller Zusammenstellung.

Ebenso ist die Darstellung der Lebensbereiche der Menschen (Stichwort: Humanisierung der RZ s) vorbildlich gelöst und im exzellenten Beitext entsprechend vertreten.

Man erkennt Treppen und Geländer, Pulte und Sessel, Markierungen, Hinweise und Warnungen, die den Gesamtorganismus Raumschiff mit den in ihnen arbeitenden und lebenden Menschen begreiflich, ja fast begehbar machen. In dieser Eindrücklichkeit sahen wir dies nur in Bernhard Stoessels Amphigleiter.

Zwei weitere Namen, die in der Folgezeit viel Staub aufwirbelten: Oliver Scholl und Manuel de Naharro, wobei letzterer hier in seiner Frühphase als klassisch-konservativ beeinflusster Zeichner zunächst gemeint sein soll, - vor seiner Metamorphose zum Fun & Fantasy-Artisten also.

Oliver Scholl, seit der BASIS wohl jedem ein Begriff, ist der Design-Spezialist unter den Risszeichnern. Kontinuitätsbrüche sind bei ihm eher die Folge qualitativer

 Schwankungen als die abrupter Stilwechsel a la de Naharro. Oliver Scholl brilliert durch ansprechende, formschöne menschlich gestaltete Technik, wofür zum Beispiel der Atmosphärengleiter der ARACIS-KLASSE steht.

Manuels herausragendstes Frühwerk hingegen stellt wohl das Raumschiff der Tekheter dar, dem man die Verwandschaft mit dem traditionellen Risszeichnungsverständnis noch deutlich ansieht, obwohl schon eine Betonung auf die zukünftigen Möglichkeiten der optischen Bereicherung durch Abstrahleffekte, Schwarzflächen und anderes auszumachen ist. Insofern ist der Schritt zwischen dieser Zeichnung und Olivers Experimentalraumschiff PHOENIX bei Übereinstimmung in der Grundkonzeption der Konstruktion so faszinierend zu verfolgen.

Oliver Scholls RZ kann als Einleitung dieses Trends zur optischen Durchgestaltung angesehen werden, die PHOENIX ist deren Vollendung (siehe Besprechung).

Begonnen haben wir unsere Betrachtung der avantgarde beeinflussten RZ - Moderne mit dem Chef-Ideologen jener Tage, mit Heiner Högel, enden wollen wir mit dem Entfant Terrible der Szene, mit Jürgen Rudig, dem Salvadore Dali der Risszeichnung. So sind seine RZ s auch im besten Sinne entsprechend, nämlich surreal, über das bisher weit hinausgreifend, Aggregate- und Formästetik, wie sie heute die gesamte Szene mehr und mehr beeinflusst.

Ein Hospitalschiff von Günter Puschmann wäre ohne die Vorarbeiten von Jürgen Rudig und seinem Siganesischen Spezialkreuzer, den sich jeder RZ-Fan zu ständigen Gemahnung an die Wand hängen sollte, gar nicht denkbar.

Ein Werk, das man visuell durchstreifen kann, sooft man will, wieder und wieder findet man in den freihandgezeichneten Aggregatkomplexen Neues und Unverhofftes, das nie zuvor ein menschliches Auge erblickt hat.

Raumschiffe sind Gebrauchsartikel, Jürgen Rudig's Heftmitten RZ der Redhorse-Jägers scheint entsprechend auch schon seine Millionen Lichtjahre auf dem Buckel zu haben, und wurde zum Skandal, zu einem öffentlichen Ärgernis, dem Kritiker jede Anerkennung absprachen (selbst die Bezeichnung Risszeichnung war hier schon als Beleidigung des gesamten Genres verstanden worden). Ein "fliegender Schrotthaufen" - also die erste Punk-RZ? Konträrer wurde wohl nie eine RZ aufgenommen, zwischen rückhaltloser Begeisterung und militanter Ablehnung gab es nichts mehr. Avantgarde pur, ein Schritt in eine Zukunft, die ihr jetzt schon als Gegenwart erleben könnt!

 

Quellennachweis:

Forschungskreuzer der PAX-Klasse Högel - PR I Nr. 971 

Raumschiff der Tekheter de Naharro - PR I Nr. 979

Stratorsphärengleiter der ARRACIS-Klasse  Scholl - PR I Nr. 1011

Experimentalraumschiff Phoenix der KH  Scholl - PR I Nr. 1108

Hospitalschiff  Puschmann - PR I Nr. 1195

Siganesischen Spezialkreuzer Rudig - Posterbeilage PR-Magazin

© 1983 by Günter Puschmann
             & Gregor Sedlag