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Folge 5

AVANTGARDE II - Fun & Fantasy

 

Die Geschichte der Risszeichnungen im Rückblick

 

Betrachtungen von
Georg JOERGENS und Oliver JOHANNDREES

Nachdem einige New Wave-Arbeiten wie der Redhorse-Jäger von Jürgen Rudig oder das Saturnraumschiff der Choolks von Joachim Luetke in der PR-Szene für Aufregung sorgten vollzog sich an anderer Stelle ein etwas gemässigterer, jedoch stetiger Wandel, der die Zeichenprofile der nachfolgenden Generationen bis heute nachhaltig beeinfusst hat.

 Vollzogen hat sich dieser Wandel nicht zuletzt durch einen guten Freund von Oliver Scholl. Gemeint ist hier Hans Knösslsdorfer, - den Insidern auch als "Knösi" bekannt - der mit seinem Basisraumschiff der UFO-Nauten/Demonteure den sogenannten "Zahnpastastil" kreirte und somit auch Einfluss auf die Entwicklung von Manuel de Naharro nahm, der im Anschluss daran seinen Zeichenstil völlig veränderte und zusammen mit Hans Knösslsdorfer der "Fun & Fantasy-Art" verfiel. 

Während Hans Knösslsdorfer durch die enge Zusammenarbeit mit Oliver Scholl und dessen konstruktivistische Art der Arbeit, nur einen gewissen Teil seiner Arbeiten mit phantasievoll geschwungenen Aggregaten anreicherte, vollzog sich bei Manuel de Naharro der Wandel viel stärker. Nach dem Erscheinen von Hans Knösseldorfers Raumschiff der STAR-Klasse in Band 1067 hatte Manuel seinen Stil vollends umgestellt und wartete von da an mit so phantastischen Arbeiten wie dem Schwingenraumschiff der Sawpanen oder dem Raumschiff des Heilers von SEOL-O-LORRATH auf. Diese Arbeiten hatten nichts mehr gemein mit den alten, noch dem traditionellen Risszeichnungsverständnis entsprechenden Frühwerken von Manuel de Naharro.

Hatte Manuel schon in seinen frühen Werken erste Anzeichen der optischen Bereicherung seiner Arbeiten gezeigt, was sich in Abstrahleffekten und Schwarzflächen niederschlug, so war der Wandel nun komplett. Das war "Fun & Fantasy" reinsten Wassers. Nicht nur was die Gestaltung und Ausarbeitung der Innendetails anging, auch in der fast schon poppig anmutenden "Farbgebung" durch die eingesetzten Raster - vor allem bei dem Raumschiff des Heilers.

Oliver Scholls Ausbruch in dieser Richtung mit seinem GANGLION-Raumschiff der Phygos mutet eher etwas unbeholfen an. Hier fehlt die sonst so bestechende klare technische Linie in Olivers Arbeiten und kann daher sicherlich aus ein Ausrutscher am Rande dieser faszinierenden Spielart der Risszeichnung abgelegt werden.

Einer muss in Bezug auf "Fun & Fantasy" bei PR aber noch unbedingt genannt werden - auch wenn er sich selber wohl weniger dazu zählen dürfte. Gemeint ist Udo Thiedeke. Er schuf mit seinem Werk Murcons Burg eine geradezu unnachahmliche Zeichenvariante, die völlig ohne Schablonen und anderer Hilsmittel - wenn man mal von einem Lineal absieht - entstanden ist. Keine noch so gute Risszeichnung war bisher mit so wenig Hilfsmitteln gezeichnet worden wie diese (der Redhorse-Jäger von Jürgen Rudig - auch eine Freihandzeichnung - erschien erst 16 Hefte später).

Hier kam eine ganz neue Dimension der Darstellungsweise zum tragen, die in dieser bestechenden Form bisher auch nie wieder erreicht wurde. Selbst der Tara III Uh II B von Udo Thiedeke der als EXKLUSIVRISSZEICHNUNG dem 4. Risszeichnungsband zugeordnet wurde, erscheint gegen sein Erstlingswerk nur als müder Abklatsch.

Wenn wir jedoch schon von "Fun & Fantasy" in der Risszeichnerei sprechen, dürfen wir uns nicht nur auf die Perry Rhodan-Serie beschränken, sondern müssen auch mal einen Blick auf die ATLAN-Serie werfen. Etwa zur gleichen Zeit entwickelte sich dort - relativ unabhängig von den oben genannten Zeichnern - ein junger Zeichner Namens: Paul Delavier. Sein unkonventioneller Zeichenstil und seine teilweise sehr gewagten Formgebungen entsprechen Voll und Ganz dem avantgardistischen Trend in der PR-Serie.

Jedoch sind seine Arbeiten, im Gegensatz zu denen von Manuel de Naharro und Hans Knösselsdorfer, nicht so perfekt durchkonstruiert. Während man bei den Arbeiten der vorgenannten Zeichner recht gut auf die scheinbare Grösse der dargestellten Objekte schliessen kann, ist die bei Paul Delavier‘s Arbeiten nur sehr schlecht möglich.

Er benutzt zwar ungewöhnliche, zum Teil auch sehr unkonventionelle Formen für seine Innendetails, jedoch lassen diese keinen Rückschluss auf eine spezifische Verwendung oder gar auf eine bestimmt Grösse zu. Dieses Manko in der konstruktiv-technischen Seite seiner Arbeiten macht er jedoch durch fast revolutionäre Formgebungen und Konzeptionen seiner Objekte wieder wett.

Zwar werden seine Arbeiten, wie Die Basis des Ersten Zählers oder Das leuchtende Auge nie solch einen Bekanntheitsgrad erreichen wie z.B. Manuel de Naharros Raumschiff des Heilers der Quarantäneflotte von SEOL-O-LORRATH, doch bedarf Paul Delavier in dem Zusammenhang der "Fun & Fantasy" in der Risszeichnerei auf jeden Fall der Erwähnung.

An dieser Stelle sei vielleicht noch auf die bemerkenswerteste Arbeit von Paul Delavier hingewiesen.

Das Manifest J "Tauprin", das Schwanenschiff "Tauprin" erinnert von seinem Aufbau und seiner gesamten Struktur her, sehr stark an zwei Arbeiten von Manuel de Naharro.

Zum einen an die Piratenfleute "Fantasy Land" und zum anderen an den Energielurch der jedoch unter dem Pseudonym Tsukijomo Kami von Manuel bei der TERRANAUTEN-Serie veröffentlicht wurde.

Die Ähnlichkeit des verwendeten Zeichenstils veranlasste mich sogar einmal zu einer Rezension, in der ich Paul Delavier als weiteres Pseudonym von Manuel de Naharro entlarven wollte - da ich (Georg Joergens) bis dato noch nicht viel von Paul Delavier gekannt hatte.

Doch schliessen wir die Betrachtungen über die Avantgarde der Risszeichner-Szene vorerst, obwohl sicherlich noch manchmal die Rede davon sein wird. Sie ist ebenso fester Bestandteil der Risszeichnerei geworden, wie die technisch orientierte Variante der Konstruktivisten. Und damit sind wir dann auch schon beim nächsten Teil unserer Serie angelangt.

 

Quellennachweis:

Saturnraumschiff der Choolks Luetke - PR I Nr. 827

Basisraumschiff der UFO-Nauten/Demonteure Knösslsdorfer - PR I Nr. 99

Piratenfleute "Fantasy Land" de Naharro - PR I Nr. 1015

Murcons Burg  Thiedeke - PR I Nr. 1043

Ab fangjäger der neuen "Redhorse"-Baureihe Rudig - PR I Nr. 1051

Raumschiff der STAR-Klasse Knösslsdorfer - PR I Nr. 1067

Raumschiff des Heilers der Quarantäneflotte von SEOL-O-LORRATH de Naharro - PR I Nr. 1083

GANGLION-Raumschiff der Phygos Scholl - PR I Nr. 1087

Schwingenraumschiff der Sawpanen  de Naharro - PR I Nr. 1099

Tara III Uh II B Thiedeke - Exklusiv-RZ RZ-Band 4

Die Basis des Ersten Zählers Delavier - Atlan 600

Das Manifest J "Tauprin" Delavier - Atlan 612

Das leuchtende Auge  Delavier - Atlan 620

Energielurch de Naharro - Terranauten Nr. 34

  ©  by Georg Joergens
             & Oliver Johanndrees