Von Freihand
zur   Folie
              

RZCD

 

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Folge 10

Tradition und Renaissance
der Kugelraumer

 

Die Geschichte der Risszeichnungen im Rückblick

 

Betrachtungen von
Christoph ANCZYKOWSKI und Gregor SEDLAG

Sind die bisherigen Folgen „Von Freihand zur Folie“ vorwiegend der Chronologie der unterschiedlichen Stilepochen gefolgt, so soll sich unser Gastbeitrag von ausgewiesenen Gralshütern des authentischen Kugelraumers (nur echt mit Ringwulst oder seinen legitimen Rechtsnachfolgesystemen), einzig und allein um das große, klassische PR-RZ-Thema drehen. Zwar sind im Rahmen dieser Serie schon des öfteren Kugelraumer-RZs zur Dokumentation einzelner Entwicklungsphasen und Zeichner herangezogen worden, in dem nun folgenden Schnelldurchlauf durch die Entwicklungsge­schichte des Sub-Genres 'Kugelraumer-RZs' geht es vor allem im die Behandlung des Themas durch die Zeichnergenerationen hindurch an und in sich.

Die Faszination und die Herausforderung, die das Thema Kugelraumer für viele Zeichner immer wieder attraktiv gemacht hat, liegt einerseits in ihrer nach wie vor zentralen Rolle in der fiktiven Raumfahrttechnik des

PR-Kosmos und einer damit verbundenen 'natürli­chen' Anziehungskraft für jeden PR-Fan (wovon es unter den Rißzeichnern einige geben soll) und andererseits im Reiz, diesem rißzeichnerisch best erschlossenen Genre innerhalb seines gegebenen, vergleichsweise engen thematisch­konzeptionellen Rahmens durch eigene Ideen und Vorstellungen neue Seiten abzugewinnen. Eine Herausforderung auch insoweit, als dass die kreative Eigenleistung wie bei nicht vielen anderen RZ-Themen immer in der Tradition der Vorgänger beurteilt werden wird.

Anders gesagt: Wer mit einer Kugelraumer-RZ bestehen will, muss seine Hausaufgaben ge­macht haben!

Deshalb also in chronologischer Reihenfol­ge und subjektiver Auswahl der Dekalog der wirklich wichtigen Kugelraumer-RZs von Beginn der 'Klassischen Troika' an bis zu den gegen­wärtigen postmodemen Zeugnissen von 'Dekonstruktivismus' und 'Neo-Konservativismus':

 

1. Der Leichte Kreuzer der STAATEN-Klasse (PR 204; RZ-Sammelbd. I. S. 12/13) von Rudolf Zengerle, des großen Initiators, hat eigentlich schon alles, was ein Kugelraumer braucht. Und ein bisschen mehr als seine direkten Vorgänger-RZ, der 60-Meter-Kaulquappe (PR 192; RZ-Sammelbd. I, S. 50). der als erster PR-RZ überhaupt ja eigentlich der Vortritt gebührt hätte, so z.B. Aggregatekultur, wie sie in den späteren, immer gleichförmiger gigantomanen Kugelraumer-Galerie Zengerles nicht mehr zu genießen war. Das Maschinendeck mit Impulstriebwerk. Antigrav und Fusionsmeilern läßt richtig die Muskeln spielen! Standard sind spätestens von nun an das Transform-Polgeschütz, das Bord-Observatorium, getrennte Feuerleit- und Hauptzentralen (letztere in einer eigenen Kuppel), gläserne Geschützkuppeln, Schleusen auf Ringwulsthöhe sowie Labors und Laderaum mit Bodenschleuse und Hangargalerie mit Jägern und SHIFTS im Unterschiff. Nur die sonst obligatorischen, schräg angeordneten Teleskoplandestützen sind in dieser RZ lediglich rudimentär auszumachen.

Neben der traditionellen Atmosphäre der frühen Zengerle-RZs gewinnt der Leichte Kreuzer der STAATEN-Klasse vor allem durch ihren bis zur CREST IV (PR 421; RZ-Sammelbd. I, S. 24/25) von ihm nicht wieder erreichte technizistische Ausstrahlung. Zwar keine High Tech, aber doch eine gute Portion Heavy Metal!

2. Dass Ingolf Thaler's Debüt-Arbeit des Superschlachtschiffs der IMPERIUMS-Klasse CREST II (PR 278; RZ-Sammelbd. I. S. 20/21) als das Manifest des modernen Risszeichnens in die Geschichte eingegangen ist, verstellt ein wenig den Blick dafür, dass diese RZ auch die Vorstellungen und die Darstellung von Kugelraumern revolutionierte.

Denn so allgemein nützliche Innovationsleistungen wie der planmäßige Aufschnitt des Schiffskörpers, die Einführung der Schemazeich­nung und der großmaßstäbliche Einsatz von Rotationsaggregaten und ihrer glaubwürdigen Zusammenfassung zu übergreifenden Funktionsgruppen veränderten auch die Welt der Kugelraumer, ganz spezifisch aber auch durch die weit­aus realistischer anmutende Statik des Zellenaufbaus. Diese Leistung hat außerhalb des solitären Gesamtwerks Thalers bis in die jüngste Zeit hinein kann Aufnahme gefunden. Nach heutigem Maßstab würde die "CREST II' zwar eher einen 200-Meter-Kreuzer abgeben, doch tut dies der zeitlosen Aktualität dieser Zeichnung in ihrer überzeugenden technizistischen Atmosphäre und mit ihren immer wieder überraschenden Details keinen Abbruch, auch im Vergleich zum perfektionistisch glatten Abklatsch durch Rudolf Zengerles schon erwähnte CREST IV oder auch durch Thalers eigene, zweite Kugelraumer-Super-RZ, der MARCO POLO (PR 465; RZ-Samnelbd. I. S. 26/27) die in dieser Kompilation bloß mit einer lobenden Erwähnung beschieden werden kann.

 

3. Der Forschungskreuzer der Explorerflotte von Bernhard Stoessel (PR 803; RZ-Sammelbd. III, S. 12/13) wird für manchen eher unverdientermaßen in diesen illustren Kreis gestellt sein, steht diese RZ doch auch für alte zu recht kritisierten Unarten der Stoesselschen Fließbandproduktionen.

Aber diese Arbeit stellt nicht nur das Lebenszeichen einer scheinbar zum Aussterben verurteilten Art überhaupt dar, sie zeigt auch. wie in 'ökologischen Nischen' der Spezies Kugelraumer durch originelle konzeptionelle Ansätze neuer Lebensrain) erobert werden konnte. Einer dieser Ansätze stellt die Idee der Kombinationsraumer dar, wie sie durch die SOL idealtypisch vertreten wurden, die aber erst in jüngster Zeit ihr volles Entwicklungspoten­tial zu entfalten begonnen haben.

 

4. "Kommt eine Kugel geflogen": Die Risszeichnung einer Terranischen 60-Meter-Korvette (PR-Sonderheft Nr. 3, S. 38) von Jürgen Rudig lässt fünfzehn Jahre nach Zengerles Debüt noch einmal im zeitgemäßeren Gewand die Faszination der ersten , frühen Jahre wieder aufleben. Zusammen mit Rudig's ersten Arbeiten eines SHIFTS und eines Leichten Raumschiffs der Topsider (PR-Sonderheft Nr. 1. S. 40/41) bedeutete dies eine Art von Elektroschocktherapie für die unter Stoessel erlahmte RZ-Szene. Rudig's Korvette erweist sich bei näherem Hinsehen jedoch eher als konzeptionelles Knallbonbon aufbereiteter Zengerle-Topics. Speziell für die Kugelraumer-Entwicklung hingegen sollte die Fragmentierung des althergebrachten Ringwulstes in 22 Abstrahlelemente des Impulsantriebs den Weg in die Zukunft weisen. Die eindrucksvolle Darstellung der Triebwerkssysteme würde auch heute noch als METAGRAV-Antrieb eine gute Figur abgeben.

Im Aufgreifen der längst nicht mehr verwandten Stilelemente aus der Zengerle-Frühzeit lässt sich Rudig's Korvette in ihrer Retrodesign-Stilistik als erstes Aufflackern einer kommenden risszeichnerischen Postmoderne deuten, die durch einen bewussten, selektiven Rückbezug auf vergangene RZ-Traditionen gekennzeichnet sein wird.

 

5. Unter den zahlreichen Versuchen der aufstrebenden New Wave-Generation zum Thema Kugelraumer sollte das Kugelraumschiff der SOLAR-Klasse (PR-Sonderheft 5/79 als Mega-Poster) von Oliver Scholl besondere Erwähnung finden. Stilistisch schon der späteren BASIS (PR 1100. RZ-Sammelbd. IV, S. 42/43) anverwandt. verdeutlicht sich hier insbesondere das evolu­tionäre Element in der Entwicklung der Kugelraumer-Zeichnungen. In diesem Fall durch die New Wave-typische Auflösung der didaktisch strengen Stoessel-Schematik in lebendigere und komplexere Technikstrukturen, fröhliches Beiboottreiben, plakative Leucht- und Energie­felderscheinungen. Typisch für Scholl (und Stoessel diametral entgegen), offensichtlich bau- und funktionsgleiche Aggregatetypen in Detailanordnungen immer wieder zu variieren:

Nichts ist mehr sicher, alles im Fluss.

 

6. Heinz Haßfeld hingegen gebührt, ganz seinem Naturell entsprechend, das Verdienst, die durch verschiedene Zeichner der neuen Generation (Außenform: Heiner Högel; Aggregate: Christoph Anczykowski) vollzogene Entwicklung durch die RZ des Leichte Kreuzer der STAATEN-Klasse (PR 983, RZ-Sammelbd. IV, S. 24/25) wieder in Form eines superklassischen Extrakts zu integrieren und auf den Punkt des kleinsten gemeinsamen Nenners zu reduzieren, und so das Konzept 'Kugelraumer' wieder Idealtypisch als Schemazeichnung in sich zu komnunizieren vermochte.

 

7. Stilistisch wie konzeptionell stellt der Prototyp eines terranischen Raumkreuzers der STAR-Klasse (PR 1067, RZ-Sammelbd. IV, S. 28/29) von Hans Knößlsdorfer den Kontrapunkt zur Haßfeld-RZ dar: Der Durchbruch der bis dahin exotisch verbrämten weichen, 'organischen' Technikformen in das Zentrum des Rhodan'schen Technikuniversums geht einher mit der großen Konversion der Antriebs- und Energiesysteme; HYPERTROP und METAGRAV halten anhand dieser RZ verspäteten, wohlverdienten Einzug in die Handlung.

In der Rückschau fasziniert insbesondere, dass die organischen Technikformen ihren Durch­bruch simultan zur Hoch-Zeit der Friedens- und Ökologiebewegung in der realen Gesellschaft erleben. Aber parallel zur RZ-Szene bewegt sich die PR-Serie auch selbst in Singularität zum Zeitgeist, und spätestens mit Band, 1400 erlebt auch sie ihr neo-konservatives Rollback.

Highlights in diesem Höhepunkt in Knösi's RZ-Schaffen stellen mit Sicherheit neben dem wunderbaren Aggregatekomplex der Punkte 50/51 der altes beherrschende androgyn symbolbehaftete ('Ying & Yang') HYPERTROP-Zapfer sowie die aufwendig 'gesoftete' Deckstruktur dar. Die Hommage an die Zeichnerkollegen in Form einer umfassenden Beibootwerkschau wurde ja schon zu früherer Gelegenheit gewürdigt.

 

8. Und wenn wir schon vom neo-konservativen Rollback in PR gesprochen haben, welche andere RZ denn Christoph Anczykowski's 500-Meter-TSUNAMI-Spezialschlachtkreuzer TS-CORDOBA (PR 1403; RZJ 5/6 '88, S. 24/25) könnte diesen Trend besser zum Ausdruck bringen? Die ursprünglich als Abgesang auf die klassischen Kugelraumer konzipierte RZ in ihrer konventionellen, aber rein nostalgi­schen Ringwulst-Silhouette und den gewaltigen. monolithischen NUGAS-Kraftwerken. die die schüchternen Ansätze eines Modemismo-Aggrega-tedesigns gnadenlos an die Wand spielen, sollte unverhofft der Auftakt zu einer furiosen Renaissance der Kugelraumer darstellen, die mit Christophs großen Dreier-Zyklus aus CORDOBA, ODIN (PR 1431; RZJ 11/12 '88, S. 29-31) und MONTEGO BAY (PR 1471; RZJ 7/8 '89, S. 17-19) ihren bisherigen Höhepunkt erlangt hat.

9. Ein direkter Spin-off insbesondere der fulminanten ODIN kann in der RORO-Mehrzweckbeiboot-Korvette SF 03 2Z MD XXI (RZJ 9/10 '89. S. 18/19; s.a. Besprechung in RZJ 11/12 '89. S. 21) von Gregor Sedlag erblickt werden. Diese RZ in diesen Rahmen zu stellen, ist sicherlich keine unumstrittene Kür, da diese Arbeit eines (noch) dem engagierten Amateurlager zuzurechnenden Risszeichners in der Darstellung und der Zeichentechnik deutliche Defizite auszuweisen hat, andererseits aber in der gelungenen Adaption der durch die ODIN neu definierten Layouts konzeptio­nell weit über das Stadium rein reproduktiven Downsizings hinaus, für die Zellenaufteilung insbesondere der kleineren Kugelraumerklassen neue Perspektiven eröffnet hat.

Ähnlich wie Jürgen Rudig's Korvette fasziniert hierbei die starke Dominanz der reinen Aggregate- und Maschinenräume gegenüber dem verbliebenen 'Lebensraum' für die Besatzung mit der konzeptionell wie optisch klaren Trennung dieser beiden Funktionsbereiche durch die nur noch in den Wohn- und Verkehrsflächen konventionell horizontale Decksaufteilung, die eindrucksvoll von den rein statisch-funktionalistischen Deckstrukturen der dichtgedrängten, nur noch zu Reparatur- und Wartungszwecken zugänglichen Maschinenräume kontrastiert werden.

Hier liegt die eigentliche Innovationsleistung von Bestand der Paulmann-Korvette, die diese RZ trotz ihres Amateurstatus zu einer der zehn bedeutendsten Kugelraumer-RZs gemacht hat; daneben soll dies auch eine Verbeugung vor Christoph Anczykowski's ODIN darstellen, die ähnlich wie Thalers MARCO POLO trotz ihrer Reife und Vervollkommnung hier ihrer Schwesterarbeit CORDOBA den Vortritt überlassen musste.

 

10. Als zehnte und letzte der herausragenden Werke zur Geschichte der Kugelraumer-RZs eine meiner eigenen Arbeiten herauszugreifen, ist für sich genommen, ja schon dreist genug, dass ich jedoch mit der QUEEN LIBERTY (PR 1491; RZJ 11/12 '89, S. 4-13) eine RZ ausgewählt habe, deren Wirkungsgeschichte und Bedeutung im Gegensatz zur früheren SORONG (PR 1367; RZJ 5/6 '87. S. 22/23) noch gar nicht feststehen können und speziell für die Kugelraumer-RZ vielleicht auch gar nicht haben werden.

Neben der subjektiven Bedeutung, die eine solch aufwendige Arbeit für mich hat, ist gerade nicht eine besondere Kugelraumer spezifische Innovationsleistung, sondern die (in meinen Augen) gelungene Integration der in der Gesamtsicht wohl bedeutsamsten Strömungen. der klassisch-modernen Ingolf Thaler's und der neo-konservativen Christoph Anczykowski's, in einer Zeichnung, die darüber hinaus auch für Kugelraumer - wie die Rhodan-RZ allgemein neue Darstellungstechniken erprobt. Beispiele für eine solche Synthese stellen einerseits die eher konservative Zellenstruktur mit überwiegend horizontal angeordneten Decks und konzentrisch gegliederten Sub-Sphären in Verbindung mit Anczykowski-Aggregatemutanten neueren Standards sowie andererseits die Beibehaltung einer altertümlichen RingwuIstsilhouette (unter größtmöglichen Vorbeimogelns an den Expose-Vorgaben eines Doppelringwulstes) trotz moderner, bipolarer METAGRAV-Haupttriebwerksanordnung á la ODIN.

Und so soll der Hinweis auf die QUEEN LIBERTY vor altem auf den evolutionären Charakter den die Entwicklung der Kugelraumer-RZs angenommen hat, hinweisen; er bedeutet für die praktische Arbeit, sich mit den Traditionen dieses wohl faszinierenden Genres innerhalb der (Rhodan-) RZs auseinander zu setzen und vertraut zu machen. Dieser Beitrag soll dazu eine Anregung liefern, ganz ohne Fazit und abschließende Würdigung, denn das Rad der Geschichte dreht sich weiter, und die Kugel rollt.

 

Quellennachweis:

60-Meter-Kaulquappe Zengerle - PR I Nr. 192

Leichte Kreuzer der STAATEN-Klasse Zengerle - PR I Nr. 204

Superschlachtschiffs der IMPERIUMS-Klasse CREST II Thaler - PR I Nr. 278

CREST IV Zengerle - PR I Nr. 421

MARCO POLO Thaler - PR I Nr. 465

Leichte Kreuzer der STAATEN-Klasse Haßfeld - PR I Nr. 983

BASIS Scholl - PR I Nr. 1100

Forschungskreuzer der Explorerflotte Stoessel - PR I Nr. 803

Prototyp eines terranischen Raumkreuzers der STAR-Klasse Knößlsdorfer - PR I Nr. 1067

SORONG Sedlag - PR I Nr. 1367

500-Meter-TSUNAMI-Spezialschlachtkreuzer TS-CORDOBA Anczykowski - PR I Nr. 1403

ODIN Anczykowski - PR I Nr. 1431

MONTEGO BAY Anczykowski - PR I Nr. 1471

QUEEN LIBERTY Sedlag - PR I Nr. 1491

RORO-Mehrzweckbeiboot-Korvette SF 03 2Z MD XXI  Sedlag - RZJ 9/10 '89

SHIFTS und eines Leichten Raumschiffs der Topsider Rudig - PR- Sonderheft 1

Terranischen 60-Meter-Korvette Rudig - PR Sonderheft 3

Kugelraumschiff der SOLAR-Klasse Scholl - PR- Sonderheft 5

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