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Folge 2

Die Ära Stoessel
und der Zerfall der klassischen Trojka

 

Die Geschichte der Risszeichnungen im Rückblick

 

Betrachtungen von
Günter PUSCHMANN und Gregor SEDLAG
aus dem Jahre 1983

Diesmal soll es hauptsächlich um RZ-Altmeister Bernhard Stoessel gehen, der ja lange Zeit der Inbegriff des Risszeichnens verkörperte, dessen Zeichnungen (bis heute 59 an der Zahl) allseits beliebt sind, und an denen andere Zeichner meist gemessen werden. Weshalb der Name Stoessel auf so lange Zeit unlösbar mit dem Begriff Risszeichnung verbunden gewesen ist, erscheint bis heute noch ein wenig undurchsichtig.

Grund genug mit dieser zweiten Artikelfolge die Entschleierung dieses Sanktuariums voranzutreiben. Einfachste Erklärung der extrem positiv ausfallenden Lesermeinung zu Stoessels Werken muss sein, dass sie den Betrachter, ohne ein Übermaß an Konzentration und Aufmerksamkeit zu verlangen, zu befriedigen vermochten und dass sie in ihrer im Laufe immer perfekteren Gestaltung, zumindest was Sauberkeit und zeichnerische Exaktheit angeht, so realistisch wirkten, dass man sie eher, als die ungeschlachten Ergebnisse der Arbeiten Rudolf Zengerles, wie Produkte einer zukünftigen Welt betrachten konnte, jedoch fast ausnahmslos ohne, dass der ihnen anhängende Funktionsschema-Realismus verleugnet werden kann.

Doch wie erreichte Bruder Stoessel diesen, inzwischen klassischen und nichts destotrotz akzeptablen Realismus (oder soll man sagen: Realistik?), den zu erreichen man sich doch auch sicher anderer Mittel hätte bedienen können, wie die Neuzeit der RZ-Historie zur Genüge beweißt (Minderheitsvotum meines provozierten RZ-ideologischen Gewissens: Man sollte hier die Begriffe Realismus bzw. Realistik durch Überzeugungskraft ersetzen, da man sonst heutigen Werken Unrecht täte.

Sehen wir uns als erstes den zeichnerischen und stilistischen Werdegang unseres Altmeisters an, wobei wir automatisch in die Erkenntnis Stoesselscher 'realistic-repertoires' kommen. Seine erste Zeichnung erschien, als schon 240 PR-Bände bzw. knapp viereinhalb Jahre lang Risszeichnungen innerhalb der Serie veröffentlicht wurden. Für ihn war der Einstieg ins Profilager der PR-Risszeichner weitaus einfacher als für die Profizeichner der heutigen III. Generation, denn seine Debüt-Zeichnung, der Mastoden-Tender wäre heute wohl nicht mehr als eine mittelmäßige bis gute Leser-RZ für die Kontaktseite. Dem damaligen Leser mag es kaum aufgefallen sein, doch wer den ersten RZ-Sammelband durchblättert, merkt schnell, dass Bernhard Stoessel bei der Arbeit an seinem Erstlingswerk eine etwas 3 1/2 Jahr ältere Zeichnung Zengerles neben sich liegen gehabt haben muss und dass der gute Bernhard bestimmt öfter als ein Mal einen Blick darauf riskiert hat, um nicht zu sagen, er haben Zengerle kopiert.

Aber das macht ja nichts, so ähnlich fängt jeder mal an - bis auf einige ganz wenige Ausnahmen vielleicht -. Man konnte überhaupt sagen, dass er in seinen ersten drei RZs noch verhältnismäßig viel von seinen beiden Kollegen übernommen hat und erst langsam begann, einen eigenen Stil zu entwickeln.

Waren in den ersten drei Zeichnungen noch die Fluchtpunktperspektive und große Aggregate, teils Zengerle‘scher, teils Thaler‘ scher Prägung vorherrschend, so stellten die folgenden RZs, wie die Carsualsche Wachplattform oder der Maahk-Raumer einer prägnanten stilistischen Umbruch dar.

Stoessels Bestreben war nun die zeichnerische Vollkommenheit seiner Werke.

Wobei Sauberkeit, genaues technisches Zeichnen mit genormten Schablonenellipsen, sowie das für ihn möglichst (?) komplizierte Aussehen seiner weiterentwickelten Rotationsaggregate im Vordergrund standen.

Dabei muss gesagt werden, dass der noch unfertige Eindruck, der sich bei diesen frühen Werken aufdrängt (Beispielsweise bei der Hyperfunkrelaisstation),  nicht  unbedingt auf

zeichnerische Mängel, sondern vor allem auf schlechtes Zeichenmaterial zurückzuführen ist. Dies ist vor allem beim Vergleich von Vorzeichnungen mit der hinterher abgedruckten Tuschezeichnungen zu erkennen: die Bleistiftzeichnungen lassen, was Exaktheit und Übersichtlichkeit angeht, genauso wenig zu wünschen übrig, wie später seine abgedruckten RZs.

Den ersten Höhepunkt im Stoessel'schen Schaffen stellten damals die RZs der Schwarmschiffe dar, wobei natürlich besonders auf das Rochenschiff vom Typ MANIPULATOR verwiesen werden muss, dass jedoch erst spät (PR 651) veröffentlicht wurde. Diese RZ ist erstes und leider auch letztes Beispiel dafür, dass es auch ihm gelang, extraterristrische Technik so faszinierend und glaubhaft fremd darzustellen.

Auch in anderer Hinsicht ist dieses Robotraumschiff als RZ-Meilenstein anzusehen, denn hier liegen in zarten, sich dem Betrachter erst bei genauerem Hinsehen offenbarenden, Ansätzen, zwei neue graphische Stilmittel versteckt, die erst in letzter Zeit und auch durch ganz andere Vorbilder  in  Mode  gekom-

men sind: Das Punktieren (bzw. Pointillismus) und eine neue, fremdartige Gestaltung der  Aggregate und technischen Anlagen, der sogenannte Zahnpastastil.

Dabei muss natürlich gesagt werden, dass in dieser Zeichnung die Zahnpastaaggregatformen in einem ganz anderen Zusammenhang auftauchen, so dass Stoessel ganz gewiss nicht als der Erfinder der Zahnpastaaggregate angesehen werden kann. Doch ist der fremdartige optische Eindruck ähnlich und findet deshalb Erwähnung.

Vielleicht wurden spätere Risszeichnergenerationen ja doch auch durch diese Formen in der MANIPULATOR-RZ zu den uns heute vertrauten Zahnpastaaggregaten inspiriert.

Natürlich wurden bei diesen Schwarmzeichnungen auch Kritiken laut, die sich vor allem an dem hier verwendeten Konstruktionsschema stießen, nämlich die Schiffsdecks einzuzeichnen, möglichst noch immer im gleichen Abstand, und dann zu versuchen die Lücken zu füllen. Dies ist ja nicht gleich zu verurteilen, aber wenn dann das gleiche Aggregat bis zu acht Mal auf ein und dasselbe Deck gezeichnet wird, so bleibt schlussendlich neben leerer Perfektion nur  Langeweile  und  Monotonie,  wie  Beispielsweise

beim Wabenschiff der Gelben Eroberer (siehe die Punkte 12-15).

Die Asporco-RZs, also wieder eine Serie von thematisch zusammenhängenden RZs, stellen eine weitere Phase des künstlerischen Höhepunktes von Bernhard Stoessel dar. Was hier so faszinierend ist, sind die wunderbar ausgeklügelten Details und die zeichnerische Einbindung in durchaus heute schon erkennbare Technologien und Entwicklungen, da ja die Asporcos ein Volk sein sollten, das gerade auf dem Stand der Technik ist, den wir im Jahre 2000 besitzen sollen. Es konnte also nicht frei in der Luft herumspekuliert werden, sondern es waren Fakten vorgegeben, was diesen Zeichnungen auch sehr zu Gute kommt (siehe Robotforschungssonde der Asporcos ).

Überhaupt fällt es auf, dass Bernhard Stoessel es bevorzugte, immer gleich mehrere Risszeichnungen zu einem Thema anzufertigen, meist nach dem Prinzip, dass er die grundsätzliche Technik an einem Grossraumschiff darzustellen versucht, um daraufhin anhand eines Beibootes mehr die Lebenssituation  verschiedener  Fremdvölker an-

hand der verwendeten Einrichtung und Technik zu verdeutlichen. Dabei störte es Stoessel nie, dass er für Grossraumschiff und Beiboot grundsätzlich die gleichen Grundformen verwandte, dass natürlich Aggregate die gleichen Grundformen verwandte, dass natürlich auch die Aggregate im Grossraumschiff nur die größeren Geschwister derer des Beibootes waren, schien - so widersinnig es ist - auch klar.

Spätestens hier wurde Kunst(fertigkeit) zur reinen Routine und pflichtübender Geldscheffelei, nach dem Motto: Mache aus einer Idee drei RZs. Trotzdem ist dies nicht unbedingt als Täuschung von Lesern und Redaktion zu verstehen, denn über längere Zeit war es Stoessels Pflicht, Monat für Monat eine RZ abzuliefern, weil inzwischen ja Thaler und Zengerle abgesprungen und neue Risszeichner noch nicht in Sicht waren.

In diesem Sinne glänzte dann Bernhard Stoessel durch seine Akonen-RZs, unübertroffene Sauberkeit und Exaktheit der Konstruktion, ausgefeilte Aggregate, perfektes Handwerk ohne Inspiration.

Des weiteren muss der Terranische Amphigleiter Erwähnung finden. Ein für die damalige Zeit, fast genialer Vorgriff auf heutige Tage, denn diese erste Zeichnung ist die erste lebendige, 'humane' RZ. Nicht technisch nüchtern und angefüllt mit Aggregaten, sondern da sind auch viele winzige Details zu erkennen, die vorstellbar machen, dass im Schiffskörper Menschen leben, die hier erstmalig auch mit eingezeichnet sind, so dass die RZ wie eine Momentaufnahme eines Arbeitstages auf dem Schiff gleicht.

Hier gibt es Aquarien, Tische, Stühle, Schränke mit Büchern, arbeitende Roboter und Menschen. Alles scheint in Bewegung, sogar optische Effekte wie Beleuchtung und Wasserblasen sind zu sehen - das ist es, was diese RZ so lebendig macht.

Doch wo Licht, da ist auch Schatten. Zumindest in der Entwicklung Bernhard Stoessels, wie zum Beispiel die RZ der Station Galax-Zero oder die der SOL. Das augenfälligste Beispiel, auf deren Erscheinen man direkt fieberte, und die dann doch extrem enttäuschte.

Gelungen ist zwar die Gestaltung der Außenhülle, doch bei den Aggregaten - nicht was sich mit den Aggregatformen aus früheren Werken vergleichen ließe.

So war denn diese RZ ein ziemlich trostloser Abschied vom Risszeichnen, den Bernhard Stoessel da zelebrierte. Wenigstens lohnte sich die Sache für ihn finanziell, doch merkte man dieser Zeichnung an, dass man auch für viel Geld kein Engagement erkaufen kann.

Und bis auf weiteres scheint Bernhard Stoessel die Nase voll vom Risszeichnen zu haben.

Mit seinem Ausscheiden war dann auch der letzte der früheren 'Klassischen Troika' Zengerle-Thaler-Stoessel dahingerafft worden, wenn man von einem halbherzigen Comebackversuch Rudolf Zengerles mit der RZ der Absolutstation DUKO absieht. Immerhin hat er damit das Kunststück geschafft, auch wieder im 4. Risszeichnungssammelband vertreten zu sein. Relikte der reichen RZ-Vergangenheit konnten sich also bis in die Gegenwart retten, vielleicht wird uns diese geschichtliche Kontinuität auch noch im fünften RZ-Sammelband bedrohen.

Bernhard Stoessels sowieso nie besonders ausgeprägter Willen neue Formen zu suchen, etwas Neues auszuprobieren war gebrochen  -  seine  Zeichnungen  schienen 

gut, kamen beim Publikum an.

Warum etwas Neues versuchen? Bernhard Stoessel hat sich dann auf Gemälde und Farbgraphiken konzentriert und hier auch Mühe und Phantasie investiert, was dann durch einigermaßen großen Erfolg auch honoriert wurde. Er machte dann ja nur noch sporadisch Risszeichnungen und als er sah, dass eine junge Generation von Zeichnern sein Erbe angetreten hatte, und er nicht mehr vonnöten war, wer möchte ihm dann, trotz der Degenerationserscheinungen in der Schlussphase seiner (bisherigen?) RZ-Laufbahn, seinen Abschied übel nehmen.

Oder wollt Ihr ewig zeichnen?

Doch was ist aus Ingolf Thaler geworden, dem ewig Oppositionellen, der seiner Zeit doch so weit voraus war? Nach dem gelungenen Einstieg Stoessels in das PR-Zeichenteam verlegte er sich mehr und mehr auf Nichtraumschiffs-RZs, die dem Leser die Alltagswelt Terras auf phantasievolle und meist gelungene Weise näher brachten. Da wären zum Beispiel der Schutz- und Kampfanzug oder die Planetenaufschnitte von Tahun und der Mondstation.

Höhepunkt von Risszeichnungen dieser Art ist ganz  sicherlich das  Hochhaus von  Terrania-City,

womit Thaler einen interessanten Einblick in mögliche kulturelle und architektonische Entwicklungen gab. Auch Zengerle versuchte sich, vielleicht von Thaler angeregt, in Alltagszeichnungen wie der einer Raumschiffszentrale oder einem Pneumatischer Pilot-Konturensitz. Doch war er damit in unseren Augen weit weniger erfolgreich als Thaler.

Weshalb Ingolf Thalers Raumlinse seine letzte RZ war, ist vom zeicherischen Standpunkt eigentlich unerklärlich, denn von Stagnation oder gar Degeneration konnte bei ihm nie die Rede sein. Zeitgründe oder ganz einfach kein Bock mehr? Schade ist es auf jeden Fall! Zum Schluss noch eine Bemerkung zu Rudolf Zengerle, die in Bezug auf den Titel unserer Artikelserie wichtig ist. Er begann damals mit Freihandzeichnungen, passt sich in seinem Stil Thaler und Stoessel an - und verschied aus der Szene, jedoch nicht ohne unter seinen zahlreichen Werken ein Detail, oder besser ein Stilmittel zu hinterlassen, das in fast jeder neueren RZ Verwendung findet.

Es handelt sich um Rasterfolie, die er (leider) nur ein einziges Mal in seinem Mittelschweren Thermostrahler verwandte.

Mit Ende der Troika Zengerle-Thaler-Stoessel ging gleichzeitig die klassische RZ-Epoche zuende, die in den ersten beiden RZ-Sammelbänden dokumentiert ist, worauf dann die neue, II.Generation von Risszeichnern ans Werk kam.

Wer weiß, hätte zum Beispiel Stoessels Anfangsentwicklung weiter angehalten, vielleicht wären uns RZ-Geniestreiche wie der Sawpanenraumer früher beschert worden, und einige andere, wie zum Beispiel die SOL oder Galax-Zero wären uns erspart geblieben!?

 

Quellennachweis:

Mastoden-Tender Stoessel - PR I Nr. 432

Carsualsche Wachplattform Stoessel - PR I Nr. 473

Hyperfunkrelaisstation Stoessel - PR I Nr. 491

Raumschiff der Maahk Stoessel - PR I Nr. 495

Schutz- und Kampfanzug Thaler - PR I Nr. 515

Raumschiffszentrale Zengerle - PR I Nr. 527

Pneumatischer Pilot-Konturensitz Zengerle - PR I Nr. 531

Medocenter der USO auf Tahun Thaler - PR I Nr. 539

Mondstation mit NATHAN Thaler - PR I Nr. 567

Hochhaus von Terrania-City Thaler - PR I Nr. 603

Wabenschiff der Gelben Eroberer Stoessel - PR I Nr. 615

Raumlinse Thaler - PR I Nr. 623

Mittelschwerer Thermostrahler Zengerle - PR I Nr. 627

Rochenschiff Typ MANIPULATOR Stoessel - PR I Nr. 651

Robotforschungssonde der Asporcos  Stoessel - PR I Nr. 679

Terranischer Amphigleiter Stoessel - PR I Nr. 707

Station Galax-Zero Stoessel - PR I Nr. 747

SOL Stoessel - PR I Nr. 1000

Absolutstation DUKO Zengerle - PR I Nr. 1023

Sawpanenraumer deNaharro - PR I Nr. 1099

© 1983 by Günter Puschmann
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