Von Freihand
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RZCD

 

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Folge 3

Die zweite Generation

 

Die Geschichte der Risszeichnungen im Rückblick

 

Betrachtungen von
Günter PUSCHMANN und Gregor SEDLAG
aus dem Jahre 1983

gewidmet all meinen Kollegen, die bis zu 200 Stunden an einer RZ arbeiten, und vor allem Willam Voltz, ohne dessen Vertrauen in uns SF-Bessessene wir nie hätten ein 1000 wöchiges Jubiläum feiern können!" -GP-

 

Eine scharfe Grenze zwischen Klassik und Moderne lässt sich naturgemäß in unserer Geschichtsschreibung, die wie jede andere Geschichtsschreibung niemals wertfrei und unbeeinflusst von der persönlichen Auffassung der sie Verfassenden sein kann oder will, da schon in der Zusammenfassung und dem Herausstellen   einzelner   Sachverhalte  sowie

auch der Einteilung in unterschiedliche Stilepochen individuelle und für manchen auch willkürliche Akzente gesetzt werden, die andere womöglich an anderer Stelle machen würden. Eine solche Grenze lässt sich also nicht ziehen, doch kann es im Nachhinein niemanden erstaunen, dass das Eindringen neuer, jungen Zeichnertalente in das RZ-Profilager einen sich anfangs nur zaghaft ankündigenden Wandels hin auf ein neues, engagierteres Verständnis der Risszeichnungs nach sich zog.
Man muss schon so etwa in den 800er Bänden der PR-Serie beginnen herumzustöbern, um erste Anzeichen einer Wachablösung zugunsten dieser neuen, zweiten RZ-Generation zu entdecken. Diese neue Zeichnerzunft verdrängte langsam, aber sicher die schon steril und monoton gewordenen Fliessband-Produktionen Bernhard Stoessels.

Hier ist wohl in erster Linie Christoph Anczykowski zu nennen, der als erster der Hobby- und Fanzeichner damit begann, erste tapsige KZ-Schritte auf den vierwöchentlichen Mittelseiten zu unternehmen, dann jedoch innerhalb kürzester Zeit phantastisch detaillierte,   ideenreiche   Meisterwerke  wie  den DOLAN-Raumer oder die Kleinst-Space-Jet.
Waren diese Sachen noch eindeutig Stoessel-orientiert, so besaßen doch die Zeichnungen Heiner Högel’s, Oliver Scholl’s und Hans Knösselsdorfer, der mit der RZ des THEBEN-Raumers einen fulminanten Einstieg hatte, völlig andere Intentionen als die für Bernhard Stoessel geltenden Zielsetzungen. Denn waren seine den oft widersprüchlichen PR-Daten sklavisch folgende Arbeiten nach dem Gesichtspunkt der Sauberkeit und zeichentechnischer Exaktheit ausgerichtet, übertrafen sich die Euphorie weckenden RZs der neuen Generation bei der Gestaltung kompliziertester Aggregatekomplexe und der Einführung neuer grafischer Stilmittel. Die Aggregate zwar immer noch nach dem Rotationsprinzip konstruiert, aber doch teilweise schon grundverschieden von den althergebrachten.

'Eine Risszeichnung muss so beschaffen sein, dass man sie als Konstruktionsunterlage für ein tatsächlich vorhandenes Gerät akzeptieren kann, was bedeutet, komplizierte Technik, also auch kompliziert und verschachtelt aussehende Aggregate.

Man kann sagen, dass diese These wohl wegweisend war, und Grundsatz dieser und nachfolgender Zeichnergenerationen geworden ist, auch wenn die Forderung nach Konstruktionsunterlagengenauigkeit heute keiner mehr ernst nimmt. Doch die Aggregate sind geblieben, wenn man einmal von einigen norddeutschen Abstechern in Richtung einer Lego-Baustein-ähnliche Aggregatekultur absieht, deren Ergebnisse vor allem in den Heften der ATLAN-Serie zu beklagen waren. (Auch diese ein Thema für spätere Folgen unserer RZ-Historie. )

Aber nicht nur formschöne und detaillierte Aggregate wurden nun zum Leitstern der Zeichner, nein, ebenso war man von nun an, an einer glaubwürdigen und realistischen Darstellung der Lebensumstände der den Raumschiffen innewohnenden Lebewesen interessiert. Als gutes Beispiel für diese Entwicklung könnte man das Terranische Kaufhaus von Knösi anführen, das an sich keine typische RZ ist, sondern eher einen Ausschnitt aus der Alltagswelt eines Terra-Normal-Verbrauchers darstellt. Auch bei den Raumschiff-RZs, der Grossteil aller Zeichnungen, ist dieser Trend zu bemerken gewesen, denn Inneneinrichtungen, Beschriftungen und andere lebensechte Details waren bisher nicht selbstverständlich.

Inmitten der Gründerzeit unseres modernen RZ-Stils brach dann eine Zeichnung ein, die bis heute wie ein Monolith aus der alltäglichen Landschaft der RZ-Produktion herausragt, eine RZ, die merkwürdigerweise nie größeres Aufsehen erregt hat und die damaligen Gemüter kaum bewegte , was die Autoren auch von sich behaupten müssen. Eigentlich nur dadurch zu erklären, dass sowohl Risszeichner wie Publikum noch nicht in der Lage waren, derart weit zu denken, wie diese RZ ihrer Zeit voraus war. Eine Zeichnung, über die im Profilager heute eindeutig die Meinung vorherrscht, dass es wohl die gelungenste und überzeugendste Darstellung einer uns fremden Technik (immer noch ein Diskussionspunkt unter den Risszeichnern, in wie weit sie sich von der gewohnten, terranischen  zu  unterscheiden hat)

ist, die jemals veröffentlicht worden ist. Eine Kult-RZ also, um den Ausdruck an dieser Stelle einzubringen.

Die meisten von euch werden natürlich längst wissen, um welche RZ es sich dreht, nämlich um das Saturnraumschiff der Choolks aus PR-Band 827, der einzigen je veröffentlichten Zeichnung von Joachim Luetke.

Wir werden diese Zeichnung jedoch ausführlich erst in der nächsten 'Von Freihand zur Folie'-FoIge würdigen, im Rahmen ähnlich avantgardistischer RZs und Zeichner, deren Bedeutung für die folgende Entwicklung der RZs ebenso maßgeblich wie wichtig gewesen ist.

Doch bleiben wir vorerst bei unserem geschichtlichen Durchmarsch, wobei es auch wichtig ist. anzumerken, dass damals vor acht Jahren (heuer 25 Jahren!), neue Zeichner es relativ schnell schaffen konnten, ins Team der PR-Risszeichner zu gelangen. Wie zum Beispiel Heiner Högel, dem das praktisch mit seinem ersten ernsthaften Versuch einer RZ gelang, wobei allerdings auch anzumerken ist, dass das Werk des PAGODEN-Raumers auch entsprechend aussah.

Der bei PR verlangte Standard war also noch recht niedrig, und es drängten auch noch nicht so große Zahl von Nachwuchstalenten wie heute gewohnt in die relativ begrenzten Veröffentlichungsmöglichkeiten des PR-Heftimperiums. Heutzutage dauert es hingegen unverhältnismäßig länger, denn durch die große 'Konkurrenz' ist der Standard drastisch gestiegen, und die Anforderungen an Neulinge sind derart hoch, dass sie es entweder gleich aufgeben oder - wie die echten Verrückten! - sich auch von einem guten Dutzend abgelehnten RZs nicht entmutigen lassen, gerade weil auch gut gemachte sog. 'Amateur-RZs' sowohl auf der LKS bei PR wie auch in den vielen Fanzines inzwischen reelle Chancen auf Veröffentlichung haben.

Die eben erwähnte Konkurrenz ist natürlich nicht so ernst gemeint, denn die Ellenbogengesellschaft ist bis heute noch nicht in die RZ-Gemeinde vorgedrungen (wobei wir hoffen, dass es auch weiterhin so bleibt), auch: sind sich die erfahrenen RZter in der Regel nicht zu schade, dem Nachwuchs unter die Arme zu greifen, genauso wie wir noch nicht erlebt haben, dass da ein Zeichner von anderen Veröffentlichungsgelegenheiten   im   Profisektor samt entsprechendem Honorar (das natürlich immer zu niedrig ist) geneidet wurden.

Das Ansteigen des Niveaus ist eher auch eine Folge der steigenden Kooperation zwischen den Zeichnern, wobei der SFAW (jeder kennt doch das Kürzel auf den diversen RZs), der Science Fiction Artist Workshop. eine Pionierrolle übernahm. Dieser damals reine Profi-Zeichnerclub förderte über reichlichen Briefkontakt den Ideenaustausch untereinander, brachte Anregungen und die intensivere Beschäftigung mit der 'Humanisierung' der RZs beispielsweise, oder auch eine Verbreitung neuer grafischer Techniken wie der Rasterfolie unter alle Mitglieder. Dieser Club existiert zwar nur noch dem Namen nach, doch darf sein jüngerer Bruder, der RZCD, der nicht nur RZ-Profis, sondern auch Fan-Zeichnern und inzwischen sogar besonders engagierten nicht-zeichnenden RZ-Fans offen steht, als eine der Früchte, die der Workshop gebracht hat, angesehen werden.

Wie, was soll denn das? wird nun so mancher fragen. Die Namen kommen ja in eurer Abhandlung gar nicht vor. Tja, das ist natürlich richtig, und wir haben hier gerade zwei Risszeichner der New Wave mit ihren Werken

ausgesucht, die inzwischen aus der Szene verschwunden sind, und deren letzte Veröffentlichungen schon eine ganze Weile her sind.

Michael Hirsch beispielsweise hatte nur drei professionelle Veröffentlichungen, wobei die vorliegende sowohl die erste und auch originellste ist. Sie ist erstaunlich detailliert, und auch Aggregate wie Formgebung weichen doch relativ weit vom Stoessel-Standard ab, dem sich ja Christoph Anczykowski als Michaels einziger Jungkollege zu dieser Zeit, ja immer noch verpflichtet fühlte.

Man schaue zum Beispiel nur auf die komplizierten Antennen- und Kommunikationsanlagen, auf die Bildschirmanlagen, die Konzeption des Überlichtantriebs mit seinem Kristall und auf die wunderschön schlanken Stabilisierungsflossen. Ein klein wenig kommt also die Fremdartigkeit von Douc Langur und seinem Raumschiff schon im Zeichenstil rüber, was Michael auch bei seinen beiden folgenden Werken, der Greiko-Plattform und dem Tempelraumschiff von Chchan Pchur, gelang, wobei man aus letzterem hätte viel mehr machen können.

Denn das macht die hier besprochene RZ ja auch nach heutigen Maßstäben so interessant, dass man eben nicht sagen kann, hier sei ein interessantes und attraktives Thema verschenkt worden.

Ob Michael mit seinen Werken größeren Einfluss auf spätere Risszeichner genommen hat, erscheint zweifelhaft, weshalb wir ihn ja auch nicht im Überblick erwähnt haben. Doch gibt diese Zeichnung eine repräsentative Anschauung auf die Gründerzeit der neuen RZ-Generation der Nach-Klassik im Übergang zur Moderne, und wie in jeder Gründerzeit ist es auch hier zu beobachten, dass viele eben dann doch aus diesen oder jenen Gründen auf der Strecke bleiben müssen, wie ja auch unlängst bei der stürmischen Expansion des RZCD zu beobachten war, auch wenn sich dieser dann inzwischen doch wieder gefangen hat.

Mitglied auch des SFAW von erster Stunde an war Guido Ploner, der über zwei Jahre hinweg immer wieder durch interessante, sehr Aggregate-orientierte RZs überraschte, bis er dann kurz nach dem 1000er Jubiläum der PR-Serie mit der RZ des Terranischen Transportkreuzers  seiner wohl gelungensten

- seinen Abschied nahm. Auch hier zeigt sich, dass Guido ein wirklicher Stilist auf dem Felde großartiger Aggregatelandschafften ist, die zwar alle auf herkömmlichen, einfachen geometrischen Grundformen aufbauen, aber durch eine Unzahl. von Beiwerk an Leitungen. Kästchen und Peripherieanordnungen zur Freude des Betrachters sich zu komplexen und auch formschönen Anlagen auswachsen.

Dieser Aggregatestil in Verbindung mit der unregelmäßigen, chaotischen Außenhülle lässt Vergleiche mit dem STAR WARS-Stil amerikanischer Raumschiffsmodelle zu, was diese RZ bestimmt sehr populär unter den Lesern gemacht hat, insofern sie sich ein wenig was aus RZs machen. Auch bequemte sich der Zeichner hier endlich einmal auch einen erläuternden Text zur allgemeinen Information zu verfassen, nachdem er bisher nur mit spärlichen technischen Daten aufwartete. Highlights sind natürlich die hinteren Aggregateräume sowie die wirklich grandios schönen Landestützen, die bisher erst durch Manuel de Naharros Landestützen an seinem Sawpanen-Raumer Konkurrenz erhalten haben. Aber davon zu einem anderen Zeitpunkt.

 

Quellennachweis:

DOLAN-Raumer    Anczykowski - PR I Nr. 863

Kleinst-Space-Jet   Anczykowski - PR I Nr. 900

Schlachtschiff der PHARAO-Klasse Knößlsdorfer - PR I Nr. 879

Terranisches Kaufhaus um 3452 n. Chr. Knößlsdorfer - PR I Nr. 931

Saturnraumschiff der Choolks Luetke - PR I Nr. 827

Privatraumer Typ PAGODE XR-3 Högel - PR I Nr. 839

Douc Langurs Forschungsschiff HÜPFER Hirsch - PR I Nr. 811

Raumplattform der Greikos Hirsch - PR I Nr. 843

Tempelraumschiff von Chchan Pchur Hirsch- PR I Nr. 911

Terranischer Transportkreuzer Ploner - PR I Nr. 1003

Sawpanenraumer   deNaharro - PR I Nr. 1099

 

© 1983 by Günter Puschmann
             & Gregor Sedlag